Große Säle

Vernissage am Freitag, 10. Jänner 2020, 19:00 Uhr Künstlerhaus Klagenfurt

Felder, Strukturen, Strömung

Lore Heuermann, Franz Stefan Kohl, Thomas Laubenberger-Pletzer, Günther Rhoosn

Diese Ausstellung behauptet nichts, möchte in die Sprachen der vier KünstlerInnen kein Thema knoten, das nicht aus ihrer Kunst selbst erfahrbar ist. Der Titel klopft an die Tür der sensitiven Wahrnehmung, sucht diese für die Gestalt des Gezeigten zu öffnen und sublime Bezugspunkte für eine zusammenschauende Betrachtung zu aktivieren.

Befasst mit den Möglichkeiten der Transformation dynamischer Prozesse ins Bild, mit Fragen struktureller Bedingungen unserer Wahrnehmung und des Erlebens raumzeitlicher Vorgänge, praktizieren die KünstlerInnen ein Arbeiten in Zyklen, suchen und schätzen sie in der Variation das Moment der Veränderung.

Der Mensch als in sich gestelltes und interagierendes Wesen, die menschliche Bewegung sind ursprüngliche Motive im Werk Lore Heuermanns. Ihre Auffassung von Figuration changiert dabei zwischen einer das Volumen betonenden und einem zeichenhaften „Buchstabieren des Menschen“ (Kristian Sotriffer)1. Die hier gezeigten Glasradierungen thematisieren kontrastreich menschliche Verfassungen, das Dasein in Höhen und Tiefen, die in Strukturen sich abzeichnende Veränderung in jedem Moment. Bewegungskörper, zu linearen Kürzeln stilisiert, durchqueren die „Energiefelder“. Sie spiegeln die tiefe Zuneigung der Künstlerin zur asiatischen Kultur und geben dem Bewusstsein von Leben als ein Fließendes Gestalt. Sich gleichend nur in der Art des Vorgehens, gewonnen in unwiederholbaren zeichnerischen Prozessen. Thomas Laubenberger-Pletzer lotet in konkret-poetischen kleinen Formaten die Veränderbarkeit von Sinn und Bedeutungen, Wort- und Zeichenkonstellationen minimalistisch abwandelnd, spielerisch aus. Sein Vorgehen ist analytisch, die Zerlegung der Fläche gesetzmäßig. Studien im Vorfeld untersuchen das Verhältnis von Linien und Fläche, die Wechselwirkung ihrer aktiven und passiven Potentiale. Das Repetitive, die allmählich wahrnehmbare Veränderung in diesem, das schrittweise Entwickeln, das immer von neuem aufeinander bezogen Sein – es sind Umschreibungen, die an Franz Stefan Kohls abstrakt-geometrische Bildwelten heranführen wollen. Bewusste und unbewusste Ströme als Gleichzeitige in die Ruhe des Bildes bringend, bereitet der Maler Wege der Verfeinerung. Unterwegs im Ganzen, im Einflussbereich des Wassers findet Günther Rhoosn seinen Zusammenhang. Erlebt Verwirklichung vor Ort. Zieht.

Wir erkennen bei allen vier Positionen die Hinwendung zum Elementaren, zur wesentlichen Form des Ausdrucks, die sich vor allem in der Entsprechung des haptischen und visuellen Bildgehalts zu den inhaltlichen Ebenen zeigt. Ganz zueinander gehörig verhalten sich Tusche und Bambusfeder, das in vielen aufwendigen Arbeitsschritten handgeschöpfte Himalayapapier und Lore Heuermanns Intensität des Zeichnens von Bewegung. Wie sich auch die mit schwarzem Pigmentliner gezogenen linearen Systeme von Thomas Laubenberger-Pletzer im rein weißen A4-Karton am wirksamsten zu entfalten wissen. Keine Anlagen räumlicher Bezugssysteme im szenischen Sinn legen sich zwischen die als Malgrund gewählten Stoffe und die präzis gesetzte Malerei von Franz Stefan Kohl. Vorder- und Hintergrund oszillieren. Und es vermag der von Günther Rhoosn in die Fundformen gelegte Berührungssinn als verdichtete Erzählung aus den Flusswegen wiederzukehren. Von welcher Substanz!

Der Gedanke, eine Ausstellung zu realisieren, entstand mit ihm in Gesprächen über die neuen Ansätze in seiner Arbeit im Herbst vor zwei Jahren und gedieh, was schön ist, zu einer respektvollen Begegnung eigenständiger künstlerischer Haltungen, die in der Differenz kein Hindernis sieht.

Ingeborg Kofler,  Klagenfurt 2020

(1) Kristian Sotriffer, „Moving On The Planet“, Hg. Brigitte Borchardt-Birbaumer, Verlag Ritter 2007, S 33

Franz Stefan Kohl, Recurrent_Lines 1#3